Standortbestimmung
Freitagmorgen. Ich fahre durch Zufall an einem AfD-Stand an einem Dresdner Wochenmarkt vorbei. Einige Rentner:innen tummeln sich um den Sonnenschirm in Parteifarben, jemand steckt augenscheinlich ein Pamphlet in die Tasche, und es finden offenbar tatsächlich Gespräche statt. Ich höre mich denken: „Eigentlich müsste man aussteigen und den Parteivertreter:innen ein paar informierte Fragen stellen, damit die Umstehenden darauf aufmerksam werden, dass diese Partei für sie keine Angebote hat.“ Geht natürlich nicht. Ampel wird grün, erstmal weiterfahren und die Rattenfänger von kritischen Nachfragen unbehelligt weitermachen lassen.
Weitermachen. Ich habe den Eindruck, dass das gerade oft (naja, eigentlich immer) das Motto in der deutschen Zivilgesellschaft ist. Weitermachen.
Um uns herum passieren jeden Tag, jede Woche tausend Dinge. Hier, die letzten 10 Tage: Der Orangenmann in den USA zettelt einen Krieg an, die sogenannte Christdemokratie knüppelt mit der sogenannten Sozialdemokratie ein neues Gesetz zur „Grundsicherung“ durch und bewirkt damit nichts außer Spaltung und Druck auf die ohnehin Bedrückten, Gas-Kathi wirft mit ihrer „Strategie“ die deutschen Mieter:innen und die deutsche Industrie vor den Bus, und unser Kulturstaatsminister lässt Buchläden durch den Verfassungsschutz überprüfen. Wir kommen nicht mehr hinterher.
Einfach weitermachen.
Gleichzeitig frage ich mich, wie lange wir zukunftsfeindliche Politik, spalterische Erzählungen, das Aufhetzen von Gruppen der Gesellschaft gegeneinander als Teil genau dieser Gesellschaft eigentlich noch wegatmen wollen.
Aber klar: Wer hat schon Zeit und Nerven, wer hat gar Freude daran, sich in Gesellschaftspolitik reinzudenken; geschweige denn Energie, sich zu engagieren oder eben, wie eigentlich am AfD-Stand mit sicherlich weitgehend uninformiertem Publikum notwendig, kritische Fragen zu stellen, in Opposition zu gehen, Widersprüche aufzudecken, konstruktiv zu sein?
Vielleicht, denke ich nach dem Ende meiner Fahrt, ist dieser Blog für uns die Möglichkeit, ein paar der Gedanken, der Kritik, des Weltschmerzes, aber auch der Visionen und Ideen zu sortieren, das eine oder andere Thema etwas näher zu beleuchten; und das idealerweise zum beiderseitigen Erkenntnisgewinn: unserem eigenen und dem derjenigen, die sich unsere Gedanken hier durchlesen.
Vielleicht ist die Sprechzeit eine Möglichkeit, nicht einfach so weiterzumachen, sondern etwas zu bewirken. Was auch immer. Schauen wir mal. Wir sind gespannt.